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Sandro Gaycken: Freie Software und Anarchismus

Freie Software und ihre auch in der nicht-fachlichen Öffentlichkeit bekannten Projekte wie das GNU/Linux-Betriebssystem werden von den Vertretern der »traditionellen« kapitalistisch orientierten Software-Industrie und ihren Wortführern gerne, selbstverständlich in diffamierender Absicht, als anarchistisch bezeichnet. Grund genug also, diesen Zusammenhang einmal zu untersuchen. Genau das tat Sandro Gaycken auf dem 22C3 und fragte: Free Software and Anarchism – does this compute?

Um das zu untersuchen, muss man zunächst einmal wissen, was Anarchismus eigentlich (jenseits seiner Nutzung als politischer Kampfbegriff des »herrschenden Systems« gegen alles was es, in welcher Weise auch immer, bedroht) ist. Dazu konsultieren wir die bewährte Wikipedia und lesen dort:

»Der Begriff der Anarchie (griechisch αναρχία – Führerlosigkeit) bezeichnet die Idee einer herrschaftsfreien und gewaltlosen Gesellschaft, in der Menschen ohne politischen Zwang (Macht) und Herrschaft gleichberechtigt und ohne Standesunterschiede miteinander leben und sich so frei entfalten können. Ein Mensch, der nach diesen Idealen lebt oder einer, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstrebt, wird als Anarchist bezeichnet.«

Mit diesen theoretischen Voraussetzungen im Kopf fragt Sandro Gaycken: Ist Freie Software wirklich anarchistisch? Und kommt zu dem Schluss: Nein, sie ist es nicht. Denn auch die Entwicklung Freier Software findet in Hierarchien statt, man denke exemplarisch an die Rolle des »guten Diktators« Linus Torvalds in der Linux-Entwickler-Community. Und sie findet innerhalb des bestehenden Systems und seiner Strukturen (Internet-Zugang, Computer-Hardware; alles wird systemimmanent produziert) statt. Beides Dinge, die ein Anarchist ablehnt.

Technologie als solches, im kapitalistischen Produktionsprozess integriert und Werkzeug staatlicher Ordnung, ist aber selbstverständlich politisch. Daher stellt sich die nächste Frage: Wie sähe eine anarchistische Technologie aus? Eine solche wäre, wie die Gesellschaft, ind er sie stattfinden würde, frei von Regeln. Das meint alle Regeln, auch die GPL, CC, usw. Auch im Kontext des bestehenden Systems positiv zu bewertende Regularien sind in einer anarchistischen Gesellschaft abzuschaffen. Denn das anarchistische Menschenbild setzt voraus, dass die Menschen, befreit von den Regularien politischer und ökonomischer Herrschaft, nicht in bösen Absichten handeln werden und benötigt daher auch keine Freie Software schützende, gut gemeinten Regeln.

Sandro Gayckens Fazit: »Free Software is not a genuine anarchical technology.« Aber sie zeigt dem bestehenden System auf (»demonstrative value« nannte er das), dass Menschen auch ohne ökonomischen Zwang und staatliche Regularien arbeiten und mit dieser Arbeit sich nicht unmittelbar finanziell auswirkende Dinge schaffen wollen und können. Das macht Hoffnung für das im letzten Absatz kurz skizzierte Menschenbild des Anarchismus.

Sandro zeigte noch kurz einige Ideen für wahrhaft anarchistische Software auf, wie ein Sabotage-Kit, mit dem auch technisch nicht so beschlagene Mitmenschen die sie umgebende repressive Technologie hacken könnten.

Fazit: Ein Vortrag zum Mitdenken, denn man musste den theoretischen Gedankensprung zur anarchistischen Gesellschaft und ihrem Menschenbild mitmachen, um die Ausführungen korrekt zu verstehen. Dass das nicht so einfach war, wie das vielleicht aussieht, zeigte sich daran, dass sämtliche Anmerkungen nach dem Ende des Vortrags eines zeigten: Die Fragenden (Anmerkenden) hatten diesen Gedankensprung nicht nachvollzogen und verstanden, denn ihre Anmerkungen mit dem Tenor »die GPL ist doch gut« oder »Menschenrechte sind wichtig und gut« machten im Kontext des Vortrags überhaupt keinen Sinn…

Links:

*Wikipedia: Anarchismus

*Sandro Gaycken Vortrag als PDF

29.12.05 | PermaLink | | Ralf Graf

Kommentar von andI:

Interessant.

Ist freie Software kommunistisch?

andI | 30.12.05 | #

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